Liebe Bundesbrüder, verehrte Gäste,
heute ist ein besonderer Tag, der auf mehreren Ebenen Bedeutung trägt. Zum einen feiern wir das Hochfest Christi Himmelfahrt – ein Ereignis, das unseren christlichen Glauben theologisch herausfordert und zugleich stärkt. Zum anderen ist heute der 29. Mai, ein geschichtlich markantes Datum, das uns in der Rückschau aufzeigt, wie eng Glaube, Geschichte und Gegenwart miteinander verwoben sind. Und nicht zuletzt dürfen wir heute voller Freude einen neuen Bundesbruder in unseren Reihen aufnehmen – ein Moment der Erneuerung und des lebendigen Miteinanders in unserer Thuringia. Alle diese Aspekte fügen sich heute zu einer Einheit, die uns Kraft geben kann für unser Leben und unser gemeinsames Wirken.
Die biblische Erzählung der Himmelfahrt Jesu aus der Apostelgeschichte schildert uns, wie Jesus vor den Augen seiner Jünger emporgehoben wurde und eine Wolke ihn dem Blick entzog. Und während sie noch in den Himmel starrten, traten zwei Männer in weißen Gewändern zu ihnen und fragten: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Diese Worte sind mehr als eine rhetorische Frage. Sie sind ein Weckruf: Christi Himmelfahrt ist nicht das Ende, sondern ein Auftrag. Jesus entzieht sich dem irdischen Blick, aber nicht der Welt. Er ist erhoben zur Rechten Gottes – nicht als Entrückter, sondern als Herr, der seine Jünger in die Welt sendet.
Christi Himmelfahrt ist also keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern die Zusage, dass diese Welt nicht sich selbst überlassen bleibt. Und es ist die Verheißung, dass auch wir berufen sind, nicht stehenzubleiben, sondern mit klarem Blick und festem Herzen in diese Welt hinauszugehen – als Zeugen des Auferstandenen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie auch der 29. Mai vieles in Bewegung brachte. So fiel am 29. Mai 1453 Konstantinopel – ein Schicksalstag für die Christenheit, ein tiefes Erschüttern religiöser und politischer Ordnungen.
Auch in unserer Verbindungsgeschichte ist der 29. Mai oftmals ein Tag des Aufbruchs und der Entscheidung gewesen. Heute dürfen wir diesen Tag mit einem besonderen Ereignis verbinden: der Neuaufnahme eines Fuxen in unsere Reihen. Lieber Neofux, du bist heute aufgenommen worden in ein Band, das mehr ist als ein Verein oder ein Freundeskreis. Du trittst ein in eine Lebensform, die geprägt ist vom gemeinsamen Ringen um Wahrheit, Glauben, Freundschaft und Verantwortung.
Was du heute empfangen hast, ist nicht bloß ein Band – es ist eine Einladung, deinen Weg in Gemeinschaft zu gehen.
Unsere Prinzipien, allen voran das Prinzip „religio“, geben uns dabei Orientierung. Nicht als starre Regelwerke, sondern als Kompass in einer oft richtungslosen Welt. Religion im Sinne unserer Verbindung meint gelebte Beziehung zu Gott, Mitverantwortung für Kirche und Gesellschaft, und den Mut, unseren Glauben nicht hinter verschlossenen Türen zu verstecken, sondern ihn ins Gespräch zu bringen – auch und gerade dort, wo er hinterfragt wird.
Was aber bedeutet all das für unseren Alltag als Verbindungsstudenten? Ich meine, es sind drei Dinge, die uns heute neu ins Bewusstsein treten sollten. Erstens: Perspektive. Christi Himmelfahrt zeigt uns, dass es mehr gibt als das Sichtbare. Dass wir berufen sind, mit Hoffnung zu leben –
nicht weltfremd, sondern tief verwurzelt im Glauben, dass das Gute das letzte Wort hat. Zweitens: Verantwortung. Die Jünger wurden nicht zum bloßen Staunen eingeladen, sondern zum Handeln. Auch wir sind aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen – in unserer Verbindung, in Kirche und Gesellschaft. Und drittens: Gemeinschaft. Die Aufnahme eines neuen Bundesbruders erinnert uns daran, dass unsere Verbindung lebt – durch alle Generationen hindurch, durch Unterschiede im Charakter, im Temperament, im Glaubensstil. Wir lernen miteinander, streiten miteinander, wachsen miteinander – im Geist christlicher Freundschaft.
Himmelfahrt, Geschichte und Verbindung – drei Stränge, die sich heute zu einem starken Seil verweben. Sie tragen uns durch die Zeit, sie halten uns zusammen, und sie erinnern uns daran: Wir sind Teil eines größeren Ganzen. Lasst uns darum mit Zuversicht weitergehen – mit dem Blick nach oben, dem Herzen bei Christus und den Füßen fest auf dem Boden unserer katholischen Verbindungstradition.
Ad multos annos – für Christus, für unsere Verbindung, für die Welt.
Ansprache von Senior Bbr Bilbo
