Hohe Festcorona, liebe Farben-, Cartell- und Bundesbrüder, werte Damen und Gäste! An einem festlichen Abend wie heute, zum 63. Stiftungsfest unserer Thuringia Coburg, versammeln wir uns nicht nur, um die Traditionen unserer Verbindung zu feiern, sondern auch, um über das nachzudenken, was uns im tiefsten Inneren miteinander verbindet: Die Freundschaft. Freundschaft ist für uns mehr als eine flüchtige Bekanntschaft. Sie ist das, was uns als Menschen wachsen lässt, was uns trägt, in guten und in schlechten Tagen. Im Alltag zeigt sie sich oft leise — als ein aufmunterndes Wort, ein geteiltes Lachen, ein offenes Ohr. Und in besonderen Momenten, so wie heute, wird sie zum Fundament, auf dem Gemeinschaft entsteht. Freundschaft ist die unsichtbare Kraft, die uns an den Biertischen, in Diskussionen, bei Cantus und im Glauben verbindet. Bei uns wird Freundschaft aber nicht nur gelebt, sondern auch durch unsere Prinzipien tief verankert unter anderem durch: „Religio, Scientia, Amicitia.“ Gerade das dritte Prinzip, die Amicitia, formt unser Miteinander über Generationen hinweg. Hier wird aus einer bloßen Bekanntschaft echte Gemeinschaft. Hier wächst das Vertrauen, das auch dann trägt, wenn die Wege einmal auseinandergehen. Hier werden Brücken gebaut — zwischen Studienorten, Lebensphasen und Weltanschauungen. Und es sind oft die kleinen Geschichten der Freundschaft, die uns am meisten schmunzeln lassen und zugleich zum Nachdenken anregen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: auch große Freundschaften haben ihre ganz besonderen Anekdoten. So zum Beispiel am 26. April 1923, als sich die beiden Schriftsteller Tolkien und Lewis nach einem literarischen Vortrag in Oxford in einem Pub namens „The Eagle and Child“ — von den Studenten nur liebevoll „The Bird and Baby“ genannt — kennenlernten. Beide verband schnell eine tiefe, lebenslange Freundschaft. Ironischerweise begann dieser Abend mit einem kleinen Streit über Mythen und Religion. Doch aus diesem Disput entwickelte sich nicht nur gegenseitiger Respekt, sondern auch eine der bedeutendsten literarischen Freundschaften des 20. Jahrhunderts. Man könnte sagen: Es braucht manchmal eine ordentliche Diskussion — und vielleicht ein gutes Bier, oder mehr, … — um echte Freundschaft zu schmieden. Und genau diesen Geist feiern wir auch heute Abend, wenn wir gemeinsam das CV-Bundeslied anstimmen — jenen Cantus, der über alle Generationen hinweg den Geist des Cartellverbandes besingt. Besonders ein Satz in der 3. Strophe bringt es auf den Punkt: „Greift die Freundschaft hoch zu preisen, in die Saiten tief und voll, Freundschaft muss die Losung heißen, wenn der Bund bestehen soll. […]“ Was für ein schönes Bild: Selbst wenn alles um uns ins Wanken gerät, wenn die Stürme des Lebens unsere Pläne durchkreuzen — die Freundschaft bleibt. Sie hebt uns auf, sie trägt uns, sie ist das Banner, das auch dann noch weht, wenn der Weg rau wird. Und damit kommen wir zu der Frage, was diese Gedanken für unseren heutigen Alltag bedeuten: In einer Welt, die uns immer mehr in Eile versetzt, in der Freundschaft oft nur ein Klick in sozialen Netzwerken entfernt zu sein scheint, erinnert uns unsere Verbindung daran, dass echte Freundschaft mehr ist als ein „Like“ oder ein kurzer Chat. Freundschaft ist ein Miteinander, das Zeit braucht. Sie wächst im Gespräch, beim offenen Zuhören, beim gemeinsamen Feiern, bei manch hitziger Diskussion — ja, manchmal sogar dann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Sie braucht Wurzeln, wie sie unsere Verbindung seit Jahrzehnten bietet. Und so wünsche ich uns allen, dass wir uns diese Freundschaft auch über den heutigen Abend hinaus bewahren. Dass wir den Geist der Freundschaft nicht nur hier am Kommers, bei Cantus, Krug und Couleur spüren, sondern ihn mit hinaustragen in unseren Alltag, in Studium, Beruf, Familie und darüber hinaus. Möge unsere Thuringia auch weiterhin ein Ort sein, an dem Freundschaft gepflegt, gestärkt und weitergetragen wird. In diesem Sinne VIVAT CRESCAT FLOREAT Thuringiae ad multos annos! Ansprache des Seniors Bbr Bilbo