Ansprache des Seniors zum 64. Stiftungsfest

Hohe Festcorona,
liebe Farben-, Cartell- und Bundesbrüder,
werte Damen und Gäste!

als Senior unserer lieben KSTV Thuringia Coburg ist es mir eine besondere Ehre und Freude, euch alle erneut zum Stiftungsfest begrüßen zu dürfen. Ein Stiftungsfest ist immer ein Moment des Innehaltens – ein Fest, bei dem wir die Brücke schlagen zwischen unserer stolzen Tradition und der lebendigen Gegenwart.

Das Thema, das wir uns in diesem Jahr gegeben haben, ist eines der drei Grundpfeiler unseres Cartellverbandes: Scientia. Die Wissenschaft. Wenn wir heute über „Scientia“ sprechen, dann meinen wir damit nicht nur das hastige Büffeln für die nächste Klausur oder das strategische Sammeln von Credit Points, um das BAföG-Amt gnädig zu stimmen. Scientia ist für uns mehr. Es ist die Neugier, die Welt zu verstehen, und der Wille, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Unsere Thuringia ist – wie so viele Verbindungen – aus dem gemeinsamen Studium erwachsen. Aus der Erkenntnis heraus, dass man die Herausforderungen des Geistes (und die Tücken der Professoren) gemeinsam besser meistert als allein.

Wissenschaft ist das Wissen, das man sich aneignet,
während man eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem war.

 Manchmal frage ich mich, wo bei uns die Grenze zwischen „Scientia“ und „Geselligkeit“ verläuft. Wir wissen alle: Ein tiefgreifendes Gespräch an der Theke kann manchmal lehrreicher sein als eine vierstündige Vorlesung über Statistik – auch wenn die statistische Wahrscheinlichkeit, am nächsten Morgen Kopfschmerzen zu haben, nach einem Abend an der Theke vermutlich höher liegt.

Aber im Ernst: Das gemeinsame Studium schweißt zusammen. Es ist das gegenseitige Erklären von komplexen Sachverhalten in der Lerngruppe, das Korrekturlesen der Hausarbeit des Bundesbruders und der intellektuelle Austausch, der über den eigenen Tellerrand des Studienfachs hinausgeht. Das ist die wahre „Scientia“ der Thuringia: Interdisziplinarität, bevor das Wort überhaupt in Mode kam. Wissenschaft ohne Werte ist leer. Als Thuringen wissen wir, dass Wissen allein nicht ausreicht. Unsere Prinzipien – Religio, Scientia, Amicitia – stehen nicht isoliert nebeneinander.

  • Die Scientia gibt uns die Werkzeuge an die Hand.
  • Die Religio gibt uns den moralischen Kompass.
  • Die Amicitia gibt uns den Rückhalt, beides in die Welt zu tragen.

In einer Zeit, in der „alternative Fakten“ Konjunktur haben und die Komplexität der Welt viele Menschen überfordert, ist es unsere Aufgabe als Akademiker, besonnen zu bleiben. Wir streben nach Wahrheit, nicht nach Bestätigung unserer eigenen Meinung.

Liebe Bundesbrüder, wenn wir heute feiern, dann feiern wir auch den Erfolg unserer gemeinsamen Bemühungen. Wir sehen hier im Saal Bundes- Cartell und Farbenbrüder, die ihr Studium längst erfolgreich abgeschlossen haben und als Philister fest im Leben stehen, und junge Aktive, die gerade erst lernen, wie man eine wissenschaftliche Quelle von einem Wikipedia-Artikel unterscheidet. Dieser Generationenvertrag ist es, der uns stark macht. Der Austausch zwischen Erfahrung und frischem Geist ist die lebendige Form der Scientia.

Ich versprach, mich kurzzuhalten – denn auch das ist eine wissenschaftliche Erkenntnis: Die Aufnahmefähigkeit des Publikums sinkt proportional zur Erwärmung des Bieres im Glas. Lasst uns heute Abend das Wissen feiern, aber vor allem die Freundschaft, die durch dieses Wissen entstanden ist. Möge unsere KSTV Thuringia Coburg weiterhin ein Ort sein, an dem der Geist wächst und das Herz Heimat findet. Ich erhebe mein Glas auf unsere liebe Thuringia, auf die Wissenschaft und auf eine unvergessliche Festnacht!

Vivat, crescat, floreat Thuringia Coburg ad multos annos!

Ansprache des Seniors Bbr Rumpelstielchen