Ansprache des Conseniors zur Bonifatiuskneipe

Hohe Corona,

alles Gute und Wichtige im Leben bedarf einer gebührenden Vorbereitung. Dazu gehört gerade auch eine Kneipe. Sowohl die Wahl des Liedguts, welches passend zum Thema sein sollte, als auch die Ansprache, die Überleitungen und all die Dinge, die ich gerade vergesse zu benennen. Es kann einem innerlich passieren, dass man denkt, überdenkt, zerdenkt und dabei quasi über die eigenen geistigen Füße stolpert. Frei nach dem Motto: „Der Mensch steht im Mittelpunkt und damit allem im Weg!“

Doch es stellt sich die Frage: Wer oder was steht denn eigentlich wirklich im Mittelpunkt – und welcher Mittelpunkt überhaupt? Je nachdem, welche Perspektive man bei diesem Experiment einnimmt, ergeben sich unterschiedlichste Antworten. Die Beantwortung gleicht quasi einer heisenbergschen Unschärferelation im geistigen Sinne.

Beginnen wir sehr nüchtern mit der technischen Mittelpunktbetrachtung. Der Mittelpunkt einer Fläche ergibt sich als Integralfunktion der Fläche, wobei quasi die Summe der Teilschwerpunkte, multipliziert mit ihrer Teilfläche und geteilt durch die Gesamtfläche, den Flächenmittelpunkt bildet. Eine sehr beliebte Aufgabe für jeden technischen Studenten der Hochschule. Diese benötigt zwar eine besondere Liebe zur Mathematik, aber dies ist heute nicht der Mittelpunkt, den wir suchen.

Diese Betrachtung ist wohl zu nüchtern. Fragt man nach dem Zentrum des Universums, so ergibt sich schnell eine interessante historische Betrachtung. Unsere katholische Kirche vertrat schließlich lange ein geozentrisches Weltbild. Die Sonne, die Sterne, das ganze Universum drehte sich um die Erde – also um Gottes Schöpfung. Es bedurfte eines Kopernikus und eines gewissen Herrn Galilei, um dieses Weltbild nachhaltig in Frage zu stellen. Quasi eine Mittelpunkts Verschiebung, die allerdings auf wenig Gegenliebe beim Papst und der Inquisition stieß. Galilei stellte sich 1633 dem Inquisitionsgericht und widerrief schließlich sein Werk „Dialogo“.

Bei diesem Widerruf stand in Galileis Lebensmittelpunkt mit Sicherheit der Wunsch, nicht zu Händen der Inquisition den Stoffwechsel einzustellen. Bis die Kirche begann, das heliozentrische Weltbild zu akzeptieren, schrieb man das Jahr 1757. Es wurde das Verbot von Schriften aufgehoben, die das heliozentrische Weltbild vertraten. Stand der heutigen Forschung ist, dass auch die Sonne lediglich im Zentrum des beobachtbaren Universums steht, welches sich immer weiter ausdehnt. Damit ist dieser Mittelpunkt genauso bestimmt, wie er auch unbestimmt ist.

Gehen wir weg vom großen Universum und betrachten eher das menschliche Dasein. So kann sich die Frage nach dem Mittelpunkt des menschlichen Handelns stellen. Einer Frage, die doch griffiger ist für unser eigenes Selbstverständnis. Was im Zentrum unseres Handelns liegt, hängt auch von der persönlichen Lebensphase ab. Für einen angehenden Studenten ist die Entscheidung für ein Studium, die potenzielle Ausrichtung des späteren Lebens nach der gewählten Disziplin, eine entscheidende Weichenstellung. Es bedarf einer Leidenschaft, gar einer Liebe, um durch ein Studium zu schreiten. Werden die Grenzen enger gezogen, hinein in ein Semester, so liegt das Zentrum natürlich auf den

Fächern und ihren Prüfungen; schließlich liegt die Prüfungszeit just vor uns. Auch für die Wissenschaft, die Scientia, braucht man Liebe. Die Liebe zur nächsten Entdeckung, die einen leitet. Die Liebe zur Wahrheit.

Der Blick auf Studium und Wissenschaft ist zwar durchaus griffig und wichtig, doch auch dies steht nicht im Zentrum des heutigen Abend: 
Ziehen wir den Kreis auf diesen Kneipsaal zusammen, dann steht das Amicitia-Prinzip im Vordergrund. Wir sind hier zusammen und teilen mit Sicherheit die Freude und im persönlichen Gespräch auch einmal das Leid. Dazu bedarf es ebenfalls der Liebe. Der christlichen Nächstenliebe aus unserem Religio-Prinzip und unserem festen Glauben.

Somit sind Religio, Amicitia und Scientia eng und untrennbar miteinander verwoben, über liebe und Nächstenliebe. Auch unser Dachverband, der CV, stellt die Nächstenliebe in seinem Wahlspruch in den Mittelpunkt. Zur Erinnerung lautet dieser:

In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas.“ – Im Notwendigen Einigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem die Nächstenliebe. Die Nächstenliebe umspannt alles und bildet das Gerüst des Handelns. Daher schließe ich mit den Worten: In omnibus caritas!“

Ansprache des Conseniors Bbr Heisenberg